Decoded spheres

 (Volle Text-Version im Buch)

 

1.1. Bildinformation und Meta-Information 

Fotografie ist nicht nur die Abbildung der Wirklichkeit. Im Prinzip ist jedes Foto ein Zerrbild der Realität, jedes Objektiv und jede veränderte Einstellung an der Brennweite zeigt einen anderen Bildausschnitt, als das menschliche Auge die Umgebung wahrnimmt (projektive und perspektive Verzerrung).

Blickwinkel, Perspektive, Raumempfinden und andere Faktoren entsprechen nie der Wahrnehmung, die Kamera transformiert Bildinformation in zweidimensionale Objektivität.

Ein einfaches Hochformat - am Ende betrachtet, zwingt das Bild aus einer, dem natürlichen Blickwinkel entfremdeten, unnatürlichen Darstellung in eine Scheuklappen-Ansicht, die ein Mensch nur mit Maske wahrnehmen könnte.

Das Besondere an einem Foto ist auch, dass es die Wirklichkeit statisch macht,  d. h. dass sich Dinge betrachten lassen, die das Auge im Moment des Betrachtens nicht wahrnimmt, da das Gehirn die Menge an Information nicht verarbeiten kann. Z. B. wird ein Grashalm in einer Wiese, zusammen mit allen anderen, nicht als einzelnes Objekt vom Auge erfasst; oder, was sich auf einem Foto als perspektivisch stürzende Linien in einem Raum darstellt, empfindet das Auge in Wirklichkeit als gerade.

Eine reelle, also sich bewegende Person wirkt in natura anders als auf einem statischen Bild, es herrscht sozusagen Informationsdiebstahl.

Oder Tiere, die, wie Insekten beispielsweise, die Umgebung vollständig anders sehen und interpretieren würden.

Man kann ein Foto demzufolge als Zerrbild betrachten. Aber was ist die Wirklichkeit? Die zweidimensionale, fotografische Information oder das synaptisch konstruierte Bild, welches sich dem Betrachter darstellt?

Was, wenn man vom optischen Bezug weggeht und eine Fotografie so darstellt, wie ein Computer, also eine Maschine, sie versteht? Ist das noch immer die Wirklichkeit? 

Das wirft Fragen auf. Ist der Mensch der Indikator für die Realität? Was ist dann eine Maschine? Existiert Realität überhaupt?

Dazu gibt es viele philosophische als auch wissenschaftliche Thesen, siehe Ontologie, Solipsismus, Descartes, Kant, usw., die Frage wurde umfangreich von vielen Philosophen erläutert.

Der Wissenschaftler Andrew Truscott (Australian National University) zum Beispiel hat quantenphysisch nachgewiesen, dass Realität erst ,entsteht‘, wenn sie gemessen wird, indem er Heliumatome ,entscheiden‘ ließ, ob sie als Teilchen oder Welle ein Lasergitter passieren wollen.

 ,Decoded spheres‘  zeigt die Eigenschaften von Fotos, wenn sie als reiner Computer-Code abgebildet werden, auf einer virtuellen Meta-Ebene.

Es handelt sich vorrangig um Porträt-Fotos, also Gesichts-Darstellungen von Personen, deren Inhalt der menschlichen Auffassungskraft entzogen wird. Es gibt keine Gesichtszüge, Mimik oder sonstige charakterliche Anhaltspunkte. Was bleibt, ist die reinste Form der fotografischen Darstellung, die Reduzierung auf den Grund-Code des digitalen Verständnisses eines Computers; unverständlich und nicht nachvollziehbar für das menschliche Gehirn und seinen Geist.

Bleibt es nichtsdestoweniger trotzdem ein Porträt? Ja. Denn es bewegt sich in einer anderen Wirklichkeit, in einer Maschinen-Realität, interpretierbar in so vielen Wirklichkeiten, wie es Menschen gibt und so vielen Möglichkeiten der Verwertung, wie es Software gibt. 

Angenommen, eines Tages beherrschten Maschinen die Welt. Welche Bedeutung hätten Gesichtszüge, welche Informationen zöge eine Maschine aus der bildlichen Darstellung einer Person? Keine, denn jene Information müsste umgerechnet werden in einen Code, der diese Daten verarbeitet, die dann in einer geistlosen Wirklichkeit einer gewissen Form von Bedeutung zugeführt würden. Es wäre ein Porträt ohne Sinn, eine Information ohne Wert.

  

1.2. Codierte Evolution

Die Fotos transportieren Bildinformation auf Meta-Ebene, nicht nachvollziehbar - und absolut wahrhaftig zugleich. Erst das technologische Zeitalter macht einen derartigen Vorgang möglich. Ein interessanter Aspekt, denn bedeutet das, dass frühere Generationen, welchen ein computerisiertes Zeitalter völlig unverständlich erschienen wäre, auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe anzusiedeln wären? Teils ja, teils nein. Evolutionstechnisch gesehen nein, denn der Intellekt hat sich nicht wesentlich weiter entwickelt. Der durchschnittliche Mensch der Neuzeit ist zu keinen größeren Gedankenleistungen fähig - teils sogar weniger - als vor Jahrtausenden lebende Menschen, man betrachte zum Beispiel einen herausragenden Geist wie Aristoteles. Gewiss, seine Denkleistung war höher als die seiner Zeitgenossen, aber genau so verhält es sich in der Gegenwart - nur einige wenige sind zu höheren impulsgebenden Taten fähig, der Großteil bewegt sich als existierende und funktionierende Masse. 

Einen Computer zu bedienen fordert nicht mehr an Wissen und Können, als ein Mensch vor Jahrtausenden ebenfalls in der Lage gewesen wäre. Es ist also nicht höhere Intelligenz, welche moderne Menschen auszeichnet, sondern ihr Assoziationsvermögen gegenüber neuzeitlicher Kultur und Technologie.

,Decoded spheres' ist Teil dieser Technologie, ein methodischer Ankerpunkt gegenwartskultureller Entwicklung, ein viusalisertes Referenzobjekt bildnerischer Progression und bedient sich der durch ein bloßes fotochemisches oder spiegelreflexbasierendes Verfahren nicht produzierbarer Resultate in einer digitalen, vom Menschen nicht nachvollziehbaren Arbeitsprozessierung, sprich: Die Porträts sind als Abbilder der Wirklichkeit zu sehen, aber in einer dem optischen Sensor oder dem Gehirn nicht zugänglichen Weise.

 

1.3. Wellen-Natur des Bildes

So einfach bzw. logisch Maschinensprache funktioniert, so unmöglich ist es für die Maschine, erhaltene Information, z. B. die eines Bildes, zu verstehen. Datenfluss ist nicht gleich Bewusstsein. Ein Computer wandelt eingegebene Daten als rechnerischen Vorgang in ein Bild; und so detailliert die Wiedergabe auch sein mag, so wenig weiß der Computer, was er abbildet, da ihm das assoziative Bewusstsein fehlt.

Der Mensch versteht hingegen das Bild, aber er kann sich nicht erklären, wie dieser in diesem Falle chemische Datenfluss zum Verständnis führt.

So stellt sich also die Frage: Was ist ein Bild eigentlich? Der Verfasser ist der Meinung, ein Bild ist nicht nur das entstandene Ergebnis, sondern der gesamte Weg - noch vor dem Eintritt durch die Pupille (also der Abstrahlung der Wellen vom Objekt) über das Nervensystem bis zur sinngemäßen Wiederherstellung bzw. Zusammensetzung über den Kortex. Es ist eine Summe von Übertragungsmechanismen und noch viel weiter ist der Weg bis zu einem gedruckten Endergebnis in einem Magazin oder Buch, von wo aus es schließlich wieder neu wahrgenommen und verarbeitet wird. Ein Bild ist also eine Summe von Zuständen.
Es als eine Summe von Teilchen einzustufen, wäre logisch, doch umgemünzt auf quantenphysische Sichweise wäre es nach Paul Dirac's Wellengleichung einzustufen, nach der zur Darstellung des möglichen Zustands eines Teilchens vier räumliche Wellenfunktionen nötig sind.

 

1.4. Code-Art: Transformierte Porträts in Computersprache

[1]

Zusätzlich zur reinen Darstellung der digitalisierten Bilddaten nutzt der Verfasser den künstlerischen Zugang. Textkolonnen werden dupliziert, multipliziert, farbüberlagert, animiert. Die an und für sich schon nicht nachvollziehbare Transformation des Fotos in die Maschinensprache erfährt additiv eine pervertierte Abstraktion des Ursprünglichen; dem Auge wird eine verwirrende Ansammlung von Buchstaben, Symbolen und Zahlen vorgeführt und in dada- bzw. gagaistischer Manier die Fotografie zu einem visuellen Kauderwelsch egalisiert, welches in aller offenbaren Sinnlosigkeit eine Sache aufzeigt: ,Decoded Spheres' gerät zum Manifest der Entblößung und Demaskierung der Fotografie.

Damit nicht genug: Der Weg Daten – Bild – Daten ist ein linear verlaufender Eingriff. Das bedeutet, die aufgenommene Information der Kamera wird in ein Bild verwandelt und dieses Bild wieder als Daten ausgegeben. Man könnte diese Daten an einen anderen, beliebigen Computer senden und dieser würde aufgrund der vorgegebenen Information das exakt gleiche Bild generieren, das heißt, es handelt sich um objektive Information ohne subjektiven Informationsgehalt.

Der Verfasser bedient sich zusätzlich der nicht-linearen Transformation; mit anderen Worten: Der Code wird umgeschrieben, zerhackt, destrukturiert oder teilweise gelöscht und wieder kopiert. Das Ergebnis ist ein Bild - mit der gleichen Information, jedoch neu oder anders platziert - welches trotz der selben vorhandenen Bausteine ein vollkommen anderes Bild ergibt. 

 

[2]

Wir sprechen bisher von transformierten Daten, basierend auf elektronischer bzw. mathematischer Codierung.  Der Schritt, diese Information zu wandeln, ist getan und wird anhand nachfolgender Abbildungen gezeigt.

,Decoded Spheres' soll als Plattform zur Darstellung von transformierter Information verstanden werden, deshalb kann/muss man einen Schritt weiter gehen und sich vom Konzept der binären Aufschlüsselung Sensor - Computer lösen, um eine neue, andere darstellungstechnische Form zu finden. Wie aber könnte man einen Menschen bzw. dessen Porträt auf eine Weise darstellerisch transportieren, die nicht das visuelle Abbild zeigt - abgesehen von der genannten Code-Art?

Dazu wagt der Verfasser einen Vorstoß in unerforschtes Gebiet: die Gen-Technik.

 

1.5. Biologic Art: Sequenzierte Porträts

[1] Allgemeines

Biotechnologie greift auf ein weites Feld für Erkenntnisse und Anwendungen molekularbiologischer und genetischer Art zurück. Was vor Jahrtausenden mit der Herstellung von Bier oder Wein mithilfe von Mikroorganismen und Enzymen begann, findet seine Anwendung heute in einer Reihe von Bereichen, von Biochemie oder Medizin bis zu Ingenieurwissenschaften oder der Entwicklung neuer Pflanzensorten.

Gezielte Eingriffe ins Erbgut ermöglichen die Steuerung biochemischer Vorgänge; die Gentechnik beeinflusst durch Neukombinierung der DNA und den daraus resultierenden Ergebnissen nicht nur das Leben der Pflanzen und Tiere, sondern auch des Menschen.

Eine Übersicht der wichtigsten Techniken zur Erzeugung gentechnisch veränderter Organismen zeigt folgende Aufstellung:

- PCR (Polymerase-Kettenreaktion): Verfahren zur Vervielfältigung von DNA-Abschnitten, deren Anfangs- Und Endsequenz bekannt sind.

- DNA-Sequenzierung: Ermittlung der Abfolge einzelner Nukleotide einer DNA-Sequenz. 

- Klonierung: Transfer von Genenvon einem Organismus auf den anderen.

- Knock-Outs: Lebewesen, bei denen ein bestimmtes Gen gezielt unbrauchbar gemacht wurde, um durch Vergleiche mit anderen Organismen die Gen-Funktion zu ermitteln.

- DNA-Chips: Winziger Chip mit hunderten kleinen Kammern, in denen kurze DNA-Stücke platziert werden. Durch Zugabe menschlicher DNA lässt sich durch Hybridisierung das passende Gegenstück feststellen.

Detaillierte Informationen über diese Verfahren sieht der Verfasser als zu umfangreich, um an dieser Stelle darauf einzugehen und das weite Gebiet der Gentechnik ausreichend erläutern zu können. Von größerer Bedeutung ist das für das fotografische Werk des Verfassers benutzte Verfahren, Gentechnik als Grundlage zur Herstellung künstlerischer Inhalte zu nutzen:

 

[2] Gentechnologie als darstellende Kunst - theoretische Abhandlung

a) Grundgedanke dieses Konzepts ist, die (oben) beschriebene Methode der digital transformierten Fotografie noch einen Schritt weiter zu entwickeln. Daraus entstand die Idee, anstatt vom Computer gelieferter Porträtfoto-Daten eines Fotos direkt an die Quelle zu gehen, nämlich ins Erbgut der betreffenden Person.

Jede Abbildung eines Menschen, in diesem Fall die fotografische Form, kann in verschiedenen Varianten interpretiert werden:

Aus objektiver visueller Sicht, aus subjektiv interpretativer Sicht oder aus philosophischer Sicht. Man könnte auch andere Determinanten wie z. B. die mathematische oder die physikalische Beschreibung anführen.

Welche Methode auch immer angewendet wird - zuerst muss eine Basis vorhanden sein, um die Darstellung überhaupt erst in Betracht ziehen zu können.

Diese Basis ist der Grund-Code selbst; die DNA. Jene ist die reinste und ursprünglichste Form der Information unseres Selbst; man kann sie zwar verändern, aber nicht philosophisch differenzieren oder ihr eine Bedeutung zuschreiben, welche sie nicht hat. Jeder Körperteil, jede Statur, jedes Gesicht ist das entstandene Abbild dieses Codes, und erst im Nachhinein lassen sich verschiedene Sichtweisen dazu anwenden; nicht aber kann die Grundinformation durch Interpretation verändert werden.

Wenn wir nun z. B. ein menschliches Gesicht betrachten, stellt man fest, dass es immer nur ein Bild des jeweiligen Zeitpunkts ist; also sich in permanenter Veränderung befindet. Der Fötus gleich nicht im entferntesten dem Jugendlichen, und jener nicht dem gealterten Menschen.

Was also zeigt das Foto? Die Antwort ist, ein Foto zeigt nicht das Abbild eines Menschen, sondern eine Ausschnitts-Betrachtung, eine einzelne Moment-Aufnahme eines gesamten Lebensverlaufs; es kann also nicht eine objektive Darstellungsweise einer Person sein, da sich diese in einem Status andauernden Werdens und Vergehens befindet.

Der Schluss daraus ist: Die annähernd objektivste Abbildungsvariante eines Menschen kann nur sein, die Bildinformation direkt aus dem Erbgut zu entnehmen.

Nur dieses gibt die Grundinformation, welche zu jedem Zeitpunkt eines Menschenalters  unveränderbar die Person darstellt, wie sie ist. Es wäre falsch, zu behaupten, ein Foto lügt; aber es kann immer nur eine Teil-Wahrheit zeigen.

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Hier die einfache Variante einer Erklärung zu oben genannter Methode eines sequenzierten Porträts: Man entnimmt dem Betreffenden DNA, schlüsselt sie auf, digitalisiert sie und führt sie einem beliebigen künstlerischen Zweck zu. Die High-end-Version dieses Prozesses ist, die Erbgut-Daten mittels einer entsprechenden Software wieder in ein Bild zurück zu verwandeln und jenes, wie bei der vom Verfasser beschriebenen Code-Art, wieder gezielten Eingriffen zu unterziehen, solange das Bild noch nicht generiert ist; also die Erbgut-Daten zu modifizieren.

Die Endversion ist ein transformiertes Abbild bzw. Zerrbild der Person.

b) Im unten beschriebenen Link gibt es eine weitere Variante, die DNA-Daten einem künstlerischen Zweck zuzuführen. Der Verfasser hat - mangels echter DNA - eine Simulation bzw. eine Animation geschaffen, welche als echte Realisierung denkbar wäre:

# Das gentechnische Lenin-Monument.

Im Jahr 2017 sind es genau 100 Jahre nach der Oktober-Revolution. W. I. Lenin war die tragende Figur dieser Revolution und seine sterblichen Überreste befinden sich im Lenin-Mausoleum am Roten Platz in Moskau. Sein konservierter Körper untersteht strengsten Kontrollen; jede Woche untersucht ein Ärzte- und Konservierungs-Team seinen Körper.

Es müsste also möglich sein - im Sinne einer 100-Jahr-Feier der Oktober-Revolution - auf offiziellem Weg DNA zu entnehmen und zu sequenzieren. Anhand dieser Daten liesse sich ein digitales Monument schaffen, eine Projektion von Lenins Geist, durch Lasertechnik ins All transferiert.

 

 

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Abbildungen siehe pictures-Sektion. Weitere Beispiele sind zu finden auf:

decodedspheres.blogspot.co.at